Vom Camino de Portugués de la Costa.
Ich merke, wie schwer es ist, diesen Weg in Worte zu fassen. Vielleicht, weil der Jakobsweg weniger verstanden als erlebt wird. Man kann erklären, wo man läuft, wie viele Kilometer man geht oder wo man schläft. Aber das Eigentliche liegt irgendwo dazwischen. In den Begegnungen. Im täglichen Gehen. In den kleinen Momenten, die unterwegs entstehen. Es ist der Unterschied zwischen Wissen und Erfahrung. Ich bin schon viele Fernwanderwege gegangen. Nirgendwo habe ich eine Gemeinschaft erlebt wie hier.
Überhaupt dauert es auf dem Jakobsweg nicht lange, bis man mit Menschen ins Gespräch kommt. Alle haben Zeit, alle tragen viel Offenheit abseits des Alltags in sich, zeigen sich schneller echter, verletzlicher.
Wildcampen
Schon am ersten Tag laufe ich ein Stück mit Pietro aus Italien und Laura aus Deutschland. Wir reden über das Übliche: woher man kommt, wie weit man heute noch gehen möchte und warum man eigentlich hier ist. Später trennen sich unsere Wege wieder. Die beiden gehen in eine Herberge. Mir fallen die Sätze aus dem Buch von Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ wieder ein. Stinkende Socken, Bettwanzen, volle Räume. Ich hab ein Zelt dabei. Wie immer. Ich hab gerne abends meine Ruhe. Bin alleine.
Ich suche mir einen Platz. Immer wieder laufe ich ein Stück vom Weg ins Feld hinein, suche zwischen Bäumen und Büschen nach einem geschützten Ort. Lange finde ich nichts. Erst kurz vor Sonnenuntergang entdecke ich einen kleinen Waldabschnitt, nicht weit vom Weg entfernt. Ein kurzer Blick aufs Handy, um sicherzugehen, dass ich nicht im Naturschutzgebiet stehe. Passt.
Die erste Nacht auf dem Weg.
Ich liege im Zelt und höre die letzten Vögel zwitschern, bis die Dunkelheit langsam mehr Stille mit sich bringt. Hier und da ein Rascheln im Laub, sonst nichts. Ich bin zufrieden.




Denise
Ich folge einem langen Holzsteg hinter den Dünen. Die Luft riecht nach Meer, der Wind trägt feinen Sand über den Weg. Auf einmal stehe ich vor durchgebrochenen Holzbalken. Der Steg ist schräg und abgesperrt wegen dem Sturm. Ich nehme den Umweg über den Strand. Dort wartet allerdings schon das nächste Hindernis. Ein kleiner Bach trennt den Strand in zwei Hälften. Nur ein Baumstamm führt hinüber.
„Ik glaub, ik zieh dafür meine Botten aus“, sagt Denise im Berliner Dialekt, die gerade hinter mir auftaucht. Wir mustern beide den Baumstamm.
„Das geht bestimmt auch so.“ Ich ramme meinen Wanderstock tief in den Sand und balanciere vorsichtig Schritt für Schritt mit meinem schweren Rucksack hinüber. Still stehen, nicht reinfallen, geschafft.
Als ich mich umdrehe, hat Denise ihren Rucksack bereits fest verschlossen. Wie eine Kugelstoßerin schwingt sie ihn nach hinten und wirft ihn im hohen Bogen über das Wasser. Lachend balanciert sie anschließend ohne Gepäck über den Stamm.
Gemeinsam laufen wir weiter. Bald treffen wir wieder auf weitere Pilger. Pietro läuft schnell auf mich zu. „Hey, wie cool. Ich dachte mir schon, wir sehen dich wieder. Wie war’s im Zelt?“ Auf einmal sind wir eine Gruppe aus zehn Pilgern. Mal geht man mit dem einen, mal mit der anderen. Ein Gruppenfoto an der Brücke, ein neuer Stempel im Pilgerpass.
Hier in Vila do Conde teilt sich der Weg. Denise läuft ins Inland, ich bleibe an der Küste. Immer wieder merke ich, wie sehr genau diese Begegnungen den Camino ausmachen.
Eine ältere Frau bleibt am Straßenrand stehen, nimmt meine Hand und wünscht mir Glück. Wenig später hupt ein Auto. Der Fahrer streckt den Daumen aus dem Fenster und ruft: „Bom Caminho!“
Immer wieder erzählen mir die Portugiesen von ihrem eigenen Weg. Manche sind ihn selbst gegangen, andere kennen jemanden, der unterwegs war.
Die Portugiesen scheinen sich sehr darüber zu freuen, dass man diesen Weg geht. Sie sind stolz darauf. Das spüre ich.
Jeden Tag bekomme ich inzwischen eine Sprachnachricht von Denise. Kleine Updates vom Inlandweg. Sie wird so etwas wie mein Pilgerbuddy. Wir schicken uns Fotos, erzählen von unseren Tagen und freuen uns darüber, gegenseitig Teil des Weges zu sein.
Denise arbeitet eigentlich als Headhunterin in Berlin. Zwischen zwei Jobs hat sie ein paar Wochen frei. Eines Abends bucht sie spontan einen Flug nach Portugal. Wenige Tage später läuft sie mit neuer Ausrüstung den Jakobsweg, obwohl sie zuvor noch nie richtig wandern war.
Zu viele Kilometer
Über 30km. Nach einem langen Wandertag, treffe ich im Supermarkt wieder auf Pietro und Dan aus England. Wir humpeln durch die Gänge. Hungrige Pilger versuchen sich Bananen und Proteine zu beschaffen. Beim nächsten Waldabschnitt, verabschiede ich mich von ihnen. Ich laufe in den Wald, finde eine Stelle, die mir nicht ganz gefällt. Zu viele Äste, zu unebener Boden. Also gehe ich weiter. Irgendwann finde ich einen Platz wie aus dem Bilderbuch. Versteckt zwischen den Bäumen, weich genug für das Zelt, ruhig. Ich setze mich vor mein Zelt und esse. Außer Vögelgezwitscher ist nichts zu hören.
In der Nacht beginnt es zu regnen. Eingekuschelt im Schlafsack höre ich die Tropfen auf dem Zeltdach. Am Morgen stopfe ich das nasse Zelt in den Rucksack und beschließe, mir für die kommende Nacht eine Unterkunft zu suchen.
Ich laufe weiter. Und weiter. Viel zu weit. Über 30km. Wieder einmal. Heute begegne ich niemanden. Keinem Pilger und nur einem Portugiesen. Er arbeitet im Feld und fragt mich nach der Uhrzeit. Laufen, laufen, laufen. In der Ferne sehe ich schon Viana do Castelo. Eine lange Brücke führt hinüber. Alle paar Meter mache ich Pause. Mein Kopf ist ganz rot, ich habe Kopfschmerzen. Sitzend auf meinen Rucksack frage ich mich, was ich hier eigentlich mache. Sofort kommt mir wieder der bekannte Wanderspruch: The trail provides. Der Weg gibt dir, was du brauchst. Also, einen Sonnenstich brauch ich heute nun wirklich nicht. Beim Aufstehen ist mir etwas schwindlig.
Die Brücke zieht sich. Die Autos rasen an mir vorbei. Dann endlich komme ich in der Unterkunft an. Ich habe leichten Schüttelfrost, schlafe erstmal 13 Stunden.
Am nächsten Tag fühle ich mich wieder wie neu. Ich lerne Jon kennen, er läuft die ganze Küste der iberischen Halbinsel.
„Das ist mein Rentenprojekt“, erzählt er mir. Er hat schon mehrere tausend Kilometer hinter sich, ist über San Sebastián, Barcelona, Valencia, Faro, Lissabon, die ganze Küste entlang gewandert. Er läuft oft abseits der normalen Wege, was auch beschwerlicher sein kann.
„Ich fühle mich nicht gut, wenn ich die Küste und das Meer nicht sehe.“ Alle zwei Wochen fährt er nach Hause zu seiner Frau, macht ein Päuschen, um dann wieder zum Weg zurück zu kehren. Das geht schon seit Jahren so.
„Die Küste bei Nazaré war besonders hart. 10 Tage bin ich am Strand entlang gelaufen.“ Jon läuft weiter. Meistens habe ich ihn irgendwo in meinem Sichtfeld. Er bleibt oft stehen und macht viele Fotos, läuft aber schneller als ich. Daher begegnen wir uns heute immer wieder.
„Das ist wie, wenn Hase und Schildkröte wandern gehen. Der Hase hoppelt schnell voraus, bleibt oft stehen, um zu gucken, sodass die Schildkröte dann auch wieder da ist“, schmunzelt Jon, als wir uns wieder begegnen.
Auch ich laufe heute einen anderen Weg. Mehr an der Küste entlang. Der Jakobsweg führt über Hügel und über Dörfer. Ich habe allerdings keine Lust auf die Teerstraße. Irgendwann lande ich in einem Küstendorf für Touristen. Auf den Kennzeichen stehen die Buchstaben Po. Warum stehen hier denn so viele polnische Autos?



Caminho do Pinhol
Irgendwann finde ich wieder ein Versteck für mein Zelt. Als ich meine Socken ausziehe, sehe ich eine fette Entzündung an beiden Waden. Ich lege meine Hand darauf. Heiß und geschwollen. Das kam wohl von den zu engen Socken. Mit einem Kugelschreiber ziehe ich eine Linie um die rote Stelle. Hoffentlich wird es nicht größer. Mein Herz pocht. Sollte ich mit der Entzündung in meinem Versteck bleiben? Ich entscheide mich dafür zu gehen. Im Dunkeln baue ich mein Zelt wieder ab und laufe ins nächste Dorf.
Ich finde in Moledo ein wunderschönes Haus. Caminho do Pinhol. Aida steigt aus dem Auto, um mich zu begrüßen. Es ist bereits halb 10. Ihr Mann am Steuer des Wagens winkt mir zu, auf seinem Schoß ein Baby. Es drückt die Hupe. Aida strahlt. „Sie liebt es zu hupen.“ Buuuub.
Ich folge ihr in den Garten auf die Veranda, die von schönen Pinienbäumen und vielen Pflanzen umringt ist. Dort fällt mir Vassil in die Arme. Ein Pilger aus der Ukraine, mit dem ich vor 2 Tagen ein paar Kilometer gewandert bin.
„Lisa-Marie! Ich hab gehofft, dass wir uns wieder sehen werden“, sagt er und umarmt mich nochmal fest.
„Ach ihr kennt euch schon?“, sagt Aida lachend. Wir nicken. Buuuub, hören wir wieder die Hupe.
Im Wohnzimmer brennt bereits ein Feuer im Kamin. Vassil hat es sich gemütlich gemacht. Wir haben die ganze Wohnung für uns. Der Kühlschrank ist voller Lebensmittel.
„Ich schneide uns ein bisschen Obst“, sagt Vassil. „Und hast du genug vom zelten?“
Ich ziehe meine Hose über die Wade. Leuchtend rote Haut kommt zum Vorschein. Vassil macht große Augen und reicht mir eine Ibuprofen.
Wir setzen uns gemütlich an den Ofen. Vassil trägt einen Weihnachtsrentier-Pyjama und Wollsocken. Ich spüre noch die Hitze von der Dusche auf meiner Haut, lege meine Beine hoch und kuschel mich in eine Decke. Ich hab sofort die Stimme von Denise im Kopf, wie sie sagt. „Hach, Pilgerleben kann schon anstrengend sein.“ Sie hatte heute mal einen Jacuzzi und schickt mir ein Video. „Buen Camino“, ruft sie badend und streckt das Sektglas in die Kamera.
Vassil und ich unterhalten uns gut. Er lebt seit einigen Jahren in Spanien. Seine Tochter ist noch in Kiew. Ich spüre den Schmerz, wenn er von ihr erzählt.
„Warum gehst du den Weg?“, fragt er mich.
Über ein Warum hatte ich bisher noch gar nicht direkt nachgedacht.
„Ich möchte in der Natur sein. Draußen“, sage ich. „Und du?“
„Ich möchte wieder mehr zu mir finden. Ich hab mich verloren in den letzten Jahren.“ Sein Blick senkt sich. Ich beobachte ihn und das knisternde Feuer. Dann fällt sein Blick auf meine Waden, die ich zum Kühlen aus meiner Decke strecke.
„Wir können morgen gemeinsam zum Arzt gehen, wenn es nicht besser wird. Oder eine Medizin für dich finden“, sagt er.
„Danke dir, aber das mach ich alleine. Geh du weiter deinen Weg.“ Ich spüre seine Enttäuschung. Er hätte sich gerne um mich gekümmert. Später erzählt er mir, dass er durch die Situation etwas gelernt hat. Dass Helfen manchmal auch bedeutet, weiterzugehen.
Die Grenze
Am nächsten Tag laufe ich nur 5km ins nächste Dorf. Caminha liegt direkt an der Grenze. Über den Fluss sehe ich schon Spanien. Mein Handy springt dauernd zwischen der spanischen und der portugiesischen Zeit eine Stunde hin und her. In Caminha hole ich mir in der Apotheke eine Kortisoncreme. Dann heißt es: Seele baumeln lassen, Am Dorfplatz sitzen und Menschen beobachten. Ich lass es mir so richtig gut gehen.
Immer wieder sehe ich humpelnde Pilger. Warum hetzen manche so durch den Weg? Für mich gibt es kein Ankommen. Der Weg selbst ist bereits das Ankommen. Im Moment, im Genießen, im Gehen.
Ich lerne Sergey aus Russland und Jarek von der Krim kennen. Wir gehen zusammen Eis essen, reden über Heimat, Familie und Reisen. Sie erzählen, wie sie sich vor Jahren auch beim Reisen kennen gelernt haben und sie schwärmen von den Bergen in Armenien. Am nächsten Tag laufe ich langsam mit meiner Entzündung weiter. Meine neue Obergrenze heute 20 km. Die Flussfahrt nach Spanien dauert nur 15 min. Die Uhr wird eine Stunde zurückgestellt.
„Das ist praktisch, man muss immer auf der richtigen Seite für die Siesta sein. Dann hat man sie doppelt“, witzelt der Bootsführer.
Ich bin nun in Galicien. Hier ist die Küste nun etwas rauer. Überall am Wegesrand sehe ich die Callas Blumen. Schon den ganzen Jakobsweg entlang. Beim Anblick der Berge kommen mir die Tränen. Links das Meer, rechts die Berge, diese Schönheit berührt mich.
In meiner nächsten Unterkunft wasche ich meine Wäsche und ruhe mich aus. Barfuß laufe ich über die Dachterrasse, mache eine Runde Qi Gong, die irgendwann in Tanzen übergeht. Der Sonnenuntergang über dem Meer ist traumhaft. In der Ferne steht ein Mann vor den Klippen, hinter ihm schlagen meterhohe Wellen gegen die Felsen.
Denise schickt mir freudig die Nachricht, dass sie den Berg im Inland bezwungen hat. Sie hatte ihn Elfriede getauft, weil sie meint, dass die Dinge, wenn man sie beim Namen nennt, weniger angsteinflößend sind. Ihre Zeit mit Elfriede ist nun vorbei und sie ist extrem stolz darauf. Nicht mehr lange und sie ist auch nach Spanien gewandert.



Regentage und Sonnenschein
Es folgen zwei Regentage. Die Ecke bei Vigo gefällt mir nicht so gut, da die Küste viel bebaut ist. Es sind viele Straßen und wenig Natur. Ich laufe zwischen den Häusern. An den Regentagen treffe ich fast niemanden. Keine Pilger, keine netten Menschen, die mir „Buen Camino“ wünschen.
Das Laufen im Regen ist anstrengend. Die Autos rauschen auf den nassen Straßen an einem vorbei. Dann bleibt ein Traktorfahrer stehen. Er hält einen pinkfarbenen Regenschirm, zeigt in den Himmel und verzieht das Gesicht. Wir grinsen beide. „Buen Camino.“
Teilweise war meine Motivation auf einem Tiefpunkt. An solchen Tagen habe ich keine Lust zu zelten. Das Essen am Abend und die heiße Dusche ist der Luxus des Tages. Es gibt kein besseres Gefühl auf dieser Welt. Heißes Wasser auf der Haut, dann eingekuschelt im Bett.
Am dritten Tag scheint die Sonne endlich wieder. Ich lerne Ramon aus Spanien kennen, der genauso wie ich mit Zelt unterwegs ist. Wir quatschen viel über die Herausforderungen und Schönheiten des Wildcampens.
Ich frage zwei Deutsche, die auf uns zu kommen, ob sie ein Bild von uns machen können. Ein Mann im Bayern München Trikot antwortet im tiefsten Dialekt. Er kommt aus Regensburg und heißt Robert. Sein Kumpel Johannes ist aus Thüringen. Zu diesem Zeitpunkt, wusste ich noch nicht, dass sie mich die nächsten Tage immer wieder begleiten werden.
Wir machen ein paar Witze und laufen lachend den Berg hinunter. Irgendwann zieht Ramon weiter. Ich möchte im nächsten Dorf übernachten.
Zum ersten Mal auf dem Weg klopfe ich spontan bei einer Herberge. Ich hatte Glück. Kein stinkendes Zimmer. Nur eine weitere Pilgerin ist hier. Wir schauen uns den Sonnenuntergang über dem See an. Carolina kommt aus London. Wir verstehen uns sofort prächtig. Es ist wohltuend gleichgesinnte Frauen zu treffen. Wir tauschen uns über unsere Soloreisen aus und lachen viel. Die Sonne vertreibt den Regen.
Gebete
Völlig beflügelt starte ich in den neuen Tag. Schritt für Schritt geht es weiter. Meine Laune ist gut. Irgendwann treffe ich wieder auf Robert und Johannes von gestern. Wir stehen vor einer Kapelle. Hier sammeln sich einige Pilger, die sich einen Stempel holen wollen.
„Lass uns hier ein kurzes Päuschen machen. Es kann ja nicht schaden, sich kurz einen Reisesegen zu holen“, sagt Robert zu Johannes. Ich grinse, Reisesegen. Die Kapelle ist klein und dunkel. Links steht ein Tisch mit ein paar Muscheln und dem Stempel. Ein paar Pilger sammeln sich darum. Ich lege meinen Rucksack ab, um meinen Pilgerpass zu holen. Klack. Stempel. Dann höre ich. „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein…“, zweistimmig im Chor im Gebet, die Stimmen von Robert und Johannes. Sie sitzen in der ersten Reihe und beten. Ich staune. Klack. Das hätte ich nun nicht erwartet. Ich stehe da und beobachte sie. Klack, ein Stempel in mein Buch.
Dann warte ich draußen vor der Kapelle bis sie fertig sind. Ich spreche sie darauf an: „Ihr seid die ersten Pilger, die ich treffe, die wirklich beten.“ Ich erzähle ihnen von meinem Ersteindruck. „Ich dachte, ihr wärt so Oktoberfest-Party-Menschen.“
„Naja, Oktoberfest, saufen und beten schließt sich ja nicht gegenseitig aus“, sagt Robert lachend.
Wir laufen weiter, tauschen uns über den Glauben, das Wandern und den Beruf aus. In Pontevedra gehen wir gemeinsam Mittagessen und gönnen uns ein Pilgermenü.
Ab Redondela trifft der Camino de Costa auf den Camino Portugues aus dem Inland. Ab hier wurde es deutlich voller. Viele Pilger steigen auch erst in den letzten 100km ein, sagt man mir. Die Stadt Pontevedra ist voll mit Pilgern.
Camino Espiritual
Spontan entscheide ich mich für eine kleine Abzweigung und eine längere Variante. Der Camino Espiritual. Mehr Natur, weniger Menschen. Ich verbringe eine Nacht in dem malerischen Ort Combarro. Dort fallen mir die vielen Hórreos auf. Das sind kleine Häuschen auf Stelzen. Galicische Getreidespeicher. Es geht nun einen Berg hinauf. Der größte auf dem Camino bisher. 500 Höhenmeter. Die Aussicht auf das kleine Fischerdorf und die Bucht lässt mich immer wieder innehalten und beobachten. Eine Frau arbeitet im Feld. Gebückte Haltung, Sonnenhut. Immer wieder verschwindet sie hinter den hohen Pflanzen. Wieder umrahmen Callas Blumen den Wegesrand. Ich rieche frisch gemähtes Gras. Die Sonne spitzelt hinter dem Hügel hervor. Es erinnert mich an Heimat. Dann höre ich Stimmen. In der Ferne sehe ich schon Robert und Johannes winkend auf mich zu kommen. Wir plaudern und lachen zusammen. So geht das heute mehrmals. Wir haben wohl ein ähnliches Tempo.
Als ich beim Kloster ankomme, laufe ich durch die Kreuzgänge. Im Innenhof blühen die Bäume. Die Nonnen haben gerade Chorprobe. Ich schließe die Augen und lausche den Gesängen der Frauenstimmen. In der Kirche beobachte ich das schräg einfallende Licht der Mittagssonne. Staub fliegt durch die Luft. Ich falte meine Hände und spreche.
„Glaubst du an Gott?“, fragt mich Robert beim Wandern.
„Ja schon, aber ich folge keiner Religion. Ich habe eher durch die Natur eine Beziehung zu Gott.“
Abends sitze ich in meinem Zelt und frage mich, wieso mich betende Menschen faszinieren. In einem Monat werde ich in Marokko sein. Auf einer Farm. Rachad aus Casablanca und ich werden uns ein Zimmer teilen. Mehrmals am Tag betet sie. Während ich am Handy sitze und lese, beobachte ich sie ab und zu. Ihre Mütze hängt tief, die Augen sind gesenkt, sie murmelt leise. Sie kniet auf ihrem Teppich, steht wieder auf, kniet wieder.
„Hast du ein festes Ritual? Ist das ein festes Gebet wie zum Beispiel das Vater unser? Oder wie viel davon ist frei gesprochen?“
„Es gibt ein Ritual, aber zwischen den Parts spreche ich auch Dinge an, die ich mit Allah reden möchte“, erzählt mir Rachad.
Was möchte ich Gott sagen? Ich sage danke. Für so vieles.
Morgen werde ich von Vilanova de Arousa nach Padrón mit dem Boot fahren. Ich war heute schnell genug um der italienischen Reisegruppe zu entkommen. Es waren wieder viele Kilometer heute. Die Nacht im Zelt ist unruhig. Die Hunde aus den Dörfern bellen die ganze Nacht durch. In der Morgendämmerung springt ein Reh an meinem Zelt vorbei.
Ankommen
In der Ferne sehe ich die Kathedrale. Ich lege mich auf eine Wiese und mache eine lange Pause. Knapp zwei Stunden liege ich dort. Ich höre das Rauschen der Blätter, blicke auf die Kirchtürme am Horizont. Ein wohliges Gefühl durchströmt mich. Immer wieder laufen Pilger an mir vorbei. Ab und zu bleiben ein paar Pilger stehen. Bekannte aus den letzten Wochen. „Ach schön dich zu sehen, du hast es dann ja auch bald geschafft.“
Auf einmal stehen Robert und Johannes wieder neben mir. „Da macht sie ein Päuschen in der Wiese“, grinst Robert. Wir sprechen darüber, wie schön es war, dass wir die letzten Tage miteinander verbracht haben. Wir haben voneinander gelernt. Die letzten fünf Kilometer gehe ich alleine. Der letzte Anstieg. Santiago ist hügelig.
Dann stehe ich auf dem großen Platz vor der Kathedrale. Da war kein Applaus, keine großen Tränen. Ich sitze einfach da und beobachte. Menschen kommen an, umarmen sich und viele Fotos. Ich hole mir meine Pilgerurkunde. Wie am Fließband läuft das hier. Es gibt eine Nummer zum Ziehen, eine Schlange zum Anstehen und viele Souvenirs. Im Hotelzimmer tanze ich und springe wie ein kleines Kind auf meinem Bett herum. Es folgen viele Abschiede. Von Robert und Johannes. Von Vassil, der mir ein Foto von seinem neuen Tattoo auf der Hand schickt. Eine Muschel. Von Jarek. Und auch Carolina, die mir in Santiago nochmal vor die Füße läuft.
Am Ende verbringe ich ein paar Tage in Finisterra. Das scheint wohl Pilgertradition zu sein. Manche laufen noch die 80 km dahin, andere fahren mit dem Bus. Wie ich. Das Ende der Welt. Der Jakobsstein zeigt 0 km. Dort treffe ich Denise wieder und habe ihre Worte im Ohr: „Und jetzt den Tag einfach Tag sein lassen.“ Wir sitzen am Strand und machen ein großes Picknick. Wir lachen unendlich viel über die Höhen und Tiefen der letzten zwei Wochen. Gemeinsam reisen wir weiter, schauen uns Wasserfälle an, machen einen Stopp bei José in Valença do Minho, chillen in seinem großen wunderschönen Garten, stehen wieder vor der Kathedrale in Porto, wo alles begann und verbringen den letzten Abend tanzend in den Straßen. Auch Sergej treffe ich wieder in Porto. Wir sitzen gemeinsam an einem Aussichtspunkt mit Bier in der Hand. Neben uns Techno. Viele Menschen. Zwei Frauen, mit Kippe im Mund und abgewetzter Kleidung tanzen vor den Boxen.
Erkenntnis des Tages: Die Menschen machen die Reise bunt.
So wurde aus Wissen Erfahrung.
Ein neues Kapitel beginnt, die Reise geht weiter Richtung Süden. Ich steige in den vollen Zug. Die Landschaft zieht an mir vorbei.



FAQ-Antworten:
Wildcampen auf dem Jakobsweg?
Man muss ein wenig suchen, weil die Küste viel bebaut ist. Man kann sehr schöne Orte finden oder man fragt die Menschen vor Ort. Ich bevorzuge oft Wälder oder ein Gebüsch in der Nähe des Weges. Am Strand ist es zu windig und zu exponiert. Außerdem sind Dünen oft geschützte Gebiete. Generell gelten hier dieselben Grundregeln wie überall. Man sollte darauf achten, dass man nicht im Naturschutzgebiet steht, kein Müll hinterlässt und am besten spät das Zelt aufbaut und früh wieder abbaut. Meistens esse ich auch woanders und nicht bei meinem Zelt.
Allein als Frau in der Natur übernachten?
Höre immer auf dein Bauchgefühl und sei lieb zu dir. Wenn irgendwas nicht stimmig ist, gehe. Wir leben hier dicht besiedelt, sodass man im nächsten Dorf auch spontan eine Unterkunft bekommen kann. Ich habe mich langsam an das Draußenschlafen gewöhnt.
