SPUR

🇲🇪 Schau Hin 

Aus Montenegro.


Ich sitze im Zug, sehe mein Spiegelbild im Fenster. Von Sjenica geht es Richtung Bar, von der serbischen Hochebene hinunter zur montenegrinischen Küste. Dazwischen 1000 Höhenmeter. Sehr viele Tunnel. Viele Brücken. Die Strecke ist eingleisig. Die Bahnlinie Belgrad – Bar soll wohl eine der schönsten Strecken Europas sein. Manchmal drücke ich mein Gesicht so nah ans Fenster, dass meine Nasenspitze die kalte Scheibe berührt. Ich sehe hinab ins Tal und staune darüber, in welcher Höhe hier Schienen durch die Berge gebaut wurden.

Die achtjährige Jelica kommt immer wieder vorbei. Wir zählen auf verschiedenen Sprachen. Wenn ich Fotos mache, kommt sie dazu. Sie liebt meine Kamera. Sie fotografiert, hält anderen Menschen die Kamera ins Gesicht und unterhält damit das Zugabteil. Ich muss lächeln. Sie nutzt die Kamera, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Auf dem Display sehe ich die vielen Fotos, die sie gemacht hat. Und ich entdecke die Frau mir gegenüber, die nun freudestrahlend mit Jelica in die Kamera grinst. Die ganze Fahrt über hatte sie nicht gelächelt.

Ich sitze an der Promenade. Ein Mann steht auf einem Balkon. Vor ihm liegt die Skyline, das Meer und die Dächer der Stadt. Er hebt sein Smartphone, macht ein Foto. Dann ein Selfie. Anschließend setzt er sich wieder hin und schaut auf den Bildschirm. Zehn Minuten vergehen. Vielleicht auch mehr. Kein weiterer Blick fällt auf die Aussicht.

Ein kleines Kind läuft vorbei. Der Blick bleibt auf einem Spiel auf dem Handy. Hier in Ulcinj stehen tagsüber die Sonnenschirme dicht an dicht. Abends füllen sich die Fast-Food-Stände, Musik schallt durch die Straßen, Menschen flanieren mit Eis in der Hand an der Promenade entlang.

Am Wegesrand sitzen zwei kleine Kinder. Vor ihnen steht eine Waage. Sie bitten um Geld. Die meisten laufen vorbei. Manche sehen sie vermutlich gar nicht. Andere schauen bewusst weg. Viele haben dabei ihr Smartphone in der Hand.

Wir dokumentieren jede Kleinigkeit.

Das Essen. Den Strand. Den Sonnenuntergang. Uns selbst. Vielleicht brauchen wir Instagram inzwischen als Reisetagebuch. Nicht, weil wir so viel erleben, sondern weil wir so vieles sofort wieder vergessen. Die schönste Pizza des Urlaubs? Der eindrucksvollste Strand? Das netteste Café? Oft lautet die Antwort: Warte kurz, ich schaue in meinen Fotos nach.

Ich möchte das nicht verurteilen. Ein Smartphone besitze ich auch. Es ist mein Fotoapparat, mein Telefon, mein Navigationsgerät, meine Ticketmappe, mein Reiseführer und mein Notizbuch. Ich bin dankbar dafür. Ohne dieses kleine Gerät wäre diese Reise deutlich komplizierter. Und trotzdem wünsche ich mir etwas anderes.

Ich möchte langsam reisen. Beobachten. Dinge auf mich wirken lassen. Zusammenhänge erkennen. Menschen begegnen. Erinnerungen sammeln, die nicht nur auf einer Speicherkarte liegen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir immer mehr Bilder mit nach Hause bringen und immer weniger Erinnerungen.

Vielleicht fotografieren wir den Moment, bevor wir ihn überhaupt erlebt haben.

Neben einer Treppe voller Blumen posiert eine junge Frau. Ihr Begleiter macht im Sekundentakt Fotos. Eins. Zwei. Zwanzig. Wahrscheinlich unterscheiden sie sich kaum voneinander. Trotzdem wird weiter ausgelöst.

Vielleicht liegt genau darin der Widerspruch unserer Zeit. Wir haben noch nie so viel festgehalten. Und vielleicht noch nie so wenig wirklich länger betrachtet. Zumindest fällt mir das vermehrt auf Reisen auf. Schnell ein Foto, weiter. 

Geht unsere Welt dadurch zugrunde? Wahrscheinlich nicht. Aber verändert sie sich? Ganz bestimmt. Was macht es mit unserer Aufmerksamkeit?

Wer schaut heute noch wirklich hin?

Wer nimmt sich Zeit, vor und nach dem Foto, es wirken zu lassen? Gibt es noch Hoffnung? Hoffnung bedeutet vielleicht nicht, dass wir das Smartphone wegwerfen. Hoffnung bedeutet, dass wir uns bewusst entscheiden können. Für ein Gespräch statt eines Reels. Für einen Blick aufs Meer statt aufs Display. Für einen Moment, der nur uns gehört.

Dann ist da dieses kleine vermutlich 4 jährige Mädchen auf der Schaukel. Sie möchte unbedingt die Eiskönigin Elsa hören. Sie sagt: „Smartphone!“ Die Mama zeigt, dass es gerade nicht geht. Das Mädchen wird wütend. Sie zappelt und schlägt in die Luft, so sehr, dass sie fast von der Schaukel fliegt.

Ich denke an Jelica und die Frau. Vielleicht ist der Unterschied nicht, ob wir eine Kamera oder ein Smartphone in der Hand halten. Sondern wohin wir damit schauen. Und wen wir dabei sehen.



Deine Grüße, deine Gedanken, ein paar Zeilen oder einfach ein Hallo – ab ins Gästebuch!
Ich freu mich von dir zu lesen.

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