Aus der Türkei.
22 Stunden im Zug. Von Kappadokien in die Osttürkei, von Kayseri nach Kars. An mir zieht die Landschaft vorbei. Von wüstenartigen Felsen zu grünen Feldern. Im Zug bleibt viel Zeit. Zu träumen. Zu schlafen. Zu lesen. Fotos der letzten Tage zu sehen.



Der Mann neben mir weint die ganze Zugfahrt.
Er zieht seine Kapuze tief, schluchzt, macht sich unsichtbar. Ich bekomme es trotzdem mit. Er spricht nur Kurdisch. Ich teile mit ihm mein Essen. Er wischt sich die Tränen zur Seite. Später hält er mir Google Übersetzer hin: „Ich habe Liebeskummer. Danke fürs Teilen. Du wirst für immer mein Freund sein.“
Auf meinem Schoß liegt noch der Koran in Deutsch. Den hat mir Nawal in Istanbul in der Moschee gegeben, nachdem Lena und ich stundenlang mit ihr über Religion geredet haben.



Istanbul. Mit Lena. Eine alte Schulfreundin.
Was für schöne Tage. Welch schönes Gefühl, wenn Freunde zu Besuch kommen. An einem Regentag gehen wir in fünf verschiedene Moscheen. Wir sitzen auf dem Teppichboden, hören das Gebet, während es draußen donnert. Und dann zeigt mir Lena Künefe.
Warmer Käse, knusprige Teigfäden, Zuckersirup, Pistazien und oben drauf diese cremige, fast käseartige Kaymak-Creme.
Von da an bestelle ich Künefe immer wieder. Hier und dort. An jeder Ecke. Ein neuer Zugbekannter weckt mich aus meinem Tagtraum. Wir gehen gemeinsam ins Bordbistro. Dort lerne ich weitere Reisende kennen.
Gestern Nacht war ich noch in Kappadokien, habe mit Emma und Halil eine Quad-Tour gemacht. Ohne Helm. Wir fahren durch die Dunkelheit, die Felsen ragen links und rechts von uns auf. Die Männer machen Stunts und geben ordentlich Gas.
„Vertraust du mir?“, fragt Halil mich.
„Ich vertraue dir. Ahhh“, rufe ich.
In dem Moment hebt sich das Quad zur Seite, sodass wir nur auf zwei Rädern fahren. Ich halte mich fest und frage mich, was mich eigentlich geritten hat, hier mitzumachen. Eigentlich weiß ich es selbst nicht. Aber irgendwie ist es auch ziemlich geil. Als ich absteige, hab ich weiche Knie.


Und dann sind da noch die vielen Erinnerungen an die letzten Sonnenaufgänge. Mit den Ballons. Ich finde kaum Worte dafür.
Ich sehe die Ballons an drei Morgen.
Noch dazu ist gerade das Ballonfestival. Und es sind aufgrund der Konflikte im Osten weniger Touristen hier, einige hatten storniert. Necati vom Souvenirladen erzählt mir. „Du hast Glück! Die Ballons fliegen nicht immer. Vor allem nicht so viele wie gerade.“ Wir schlürfen gemeinsam Apfeltee und sitzen vor seinem Laden. „Früher kamen die Menschen wegen der Geschichte. Heute kommen sie wegen der Ballons.“ Zwischen den Souvenirs hängen überall kleine Ballon-Magnete.
„Ich habe schon Menschen weinen sehen, wenn die Ballons nicht fliegen. Weil sie so enttäuscht waren“, plaudert Necati.
Darüber kann ich nur den Kopf schütteln. Auch ohne Ballons ist Kappadokien eine Region zum Staunen. Red Valley. Rose Valley. Love Valley. White Valley. Jedes Tal sieht anders aus. Ich begehe zahlreiche Felsenhöhlen. Wie die Menschen früher hier wohl gelebt haben? Irgendwann stehe ich plötzlich in einer alten Kirche mitten in den Fels gehauen. Riesige Säulen, kalter Stein. Ich fange an zu singen.
Am Ende des Zugs stehe ich am Fenster und summe vor mich hin. Der Zug heißt zwar Dogu Express, fährt aber durchschnittlich nur 60 Kilometer pro Stunde. Wir bleiben immer wieder stehen. Zeit, um sich die wunderbare Landschaft noch genauer anzusehen. Die Schienen ziehen Schlangenlinien in die Ferne.
22 Stunden Richtung Osten.







