Aus Albanien.
Nicht mehr weit. Schritt für Schritt. Dann bin ich oben auf der ersten Kuppe und habe endlich Ausblick. 500 Höhenmeter liegen hinter mir. Auf meiner Karte wird dort ein kleiner Gipfel angezeigt.
Ich gehe nicht den bekannten Trail von Valbona nach Theth, den täglich viele Touristen laufen. Ich fühle mich in diesen Tagen nicht besonders fit. Stattdessen laufe ich in eine andere Richtung den Berg hinauf.
Hier ist niemand. Nur ich, der Weg und die Berge.
Ich sitze wieder auf einem Baumstamm, nicht mehr weit. Noch ein Krampf im Bauch, dann weiter.
Ein kanadisches Pärchen kommt mir entgegen. Die beiden haben sich auf dem Weg zum Wasserfall hier auf den Berg verirrt. Sie freuen sich, endlich jemanden zu treffen, den sie fragen können. Wir reden viel über das Leben, Politik und Reisen. Noch ein paar Jahre, dann wollen sie in Rente gehen. Ich mustere sie. Die beiden sehen noch so jung aus. „Ja, wir leben sehr sparsam und kalkulieren uns alles durch. Warum bis zur Rente warten, bis wir mehr reisen können. Es gibt diese Bewegung gerade. FIRE. Mit 50 in Rente.“
Da hätte ich also noch 20 Jahre. Ich muss lachen. Eigentlich führe ich gerade ein bisschen ein Leben wie in Rente. Keine Termine, kein Alltag. Trotzdem freue ich mich wieder auf die Arbeit.
Vielleicht verlangt auch Freiheit irgendwann nach einem Rhythmus.
Irgendwann taucht unter mir das Tal auf. Ich sehe die Kirche von Theth. Vor ihr sitzt ein Mann mit einem traditionellen Instrument, das ich zuvor noch nie gehört hatte. Viele Touristen sammeln sich hier. Der Ort besteht aus Hotels und Gästehäusern. Wo sind die Einwohner?
Beim Abstieg winkt mir eine ältere Frau zu. Sie trägt ein schwarzes Kopftuch, sitzt auf einem Stein und grinst mich mit ihren vielen Zahnlücken an. Ich frage sie, was sie gerade macht. Sie gibt mir mit Zeichensprache und auf Albanisch zu verstehen, dass sie die Ziegen in den Bergen zählt. „Huhuuu“, demonstriert sie mir den Ruf ihrer Mutter, mit dem sie früher die Ziegen zusammengetrommelt hat.
Sie will mir unbedingt ihr Haus zeigen. Ich lerne von ihr das Wort: Vielen Dank. Faleminderit shumë.
Ein paar Gehminuten weiter erreichen wir ihr Haus. Draußen im Garten lungern ein paar Katzen auf dem Sofa, ich setze mich dazu. Ihr Mann freut sich sehr, dass Besuch da ist. Sie bieten mir Bier und Getränke an und wollen, dass ich hier bei ihnen bleibe.
Ich verstehe kein Wort, aber Ziegen zählen, Getränke, Tiere, und Faleminderit shumë. Das klappt.
Ich frage mich, wieso sie mich eingeladen haben. Vermutlich ist ihnen schlicht und einfach langweilig hier.




Später treffe ich die Kanadier wieder. Sie erzählen mir, dass auch sie die Frau auf dem Stein getroffen haben, die die Ziegen zählt. Sie sind allerdings nicht mit ihr nach Hause gegangen.„Wir dachten, sie will nur Geld von uns.“
Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Ich hatte ihre Einladung einfach angenommen. Außerdem kann ich jederzeit nein sagen. Mir wird bewusst, dass in Kontakt gehen auch immer bedeutet, den Menschen einen Vertrauensvorschuss zu geben. Vielleicht beginnen Begegnungen dort, wo wir aufhören, misstrauisch zu sein.
Im Bus fummelt mein albanischer Sitznachbar die ganze Zeit am Gurt herum. Er möchte sich nicht anschnallen, weil er es nicht gewohnt ist. Ich komm mir eher unangeschnallt komisch vor.
Die anderen Touristen sagen mir: „Tirana, da gibts nicht viel zu sehen. Das kannst du an einem Tag machen und dann weiterreisen.“ Ich bleibe fast eine Woche in der albanischen Hauptstadt.
Wie ist es, wenn man alleine reist und plötzlich krank wird? Ich sitze im Krankenhaus. Sechs Stunden verbringe ich hier. Die Dame am Empfang spricht Englisch und leitet mich durch. Der Arzt spricht auch ein bisschen Englisch. Den Rest erledigt Google Übersetzer. Und trotzdem werde ich traurig.
In diesem Moment wünschte ich mir jemanden. Jemanden, der meine Hand hält oder einfach nur zuhört.
Da ist niemand. Also rufe ich zu Hause an. „Immer nur ein Anruf entfernt.“



Ich blicke ins Schwarze.
Der lange Tunnel des Bunkermuseums führt immer tiefer in den Berg. Hier unten ist es kühl. Draußen sind es 35 Grad. Ich lege mir meinen Schal um meine Nieren. Viele Gänge und viele Räume. Überall Schilder: Bei einem Stromausfall Ruhe bewahren und an derselben Stelle bleiben. Erst jetzt wird mir die Größe und die Finsternis hier drinnen bewusst. Besonders, wenn ich an Räumen vorbeilaufe, die nicht beleuchtet sind.
Briefe von Menschen, deren Angehörige gefoltert wurden. Stimmen von Menschen aus Arbeitslagern. Abhörtechniken. Wanzen in den Wänden und in Haushaltsgegenständen. Ein Mikrofon im Besenstil. Nach dem Weltkrieg und dem Abzug der Deutschen übernehmen die Kommunisten die Macht. Ein Neuanfang, ein Versprechen von Freiheit. Mit der Zeit schottet sich die Diktatur immer weiter ab. Grenzen werden geschlossen, Kontakte kontrolliert. Die Angst vor dem Fremden gewinnt.
Von mir bekommt das Fremde eine Chance. Ich verlasse Tirana mit viel Musik, neuen Menschen und Geschichten. Vielen Dank. Faleminderit shumë.








