SPUR

🇳🇱 Zehn Meter Kälte

aus den Niederlanden.


Ich genieße die Zeit hier. Keine Termine. Nur einen: Mittags ans Meer fahren. 

Doch der Wind treibt mich manchmal dazu drinnen zu bleiben.

Er ist kalt, er ist stark. Er drückt gegen die Jurte, rüttelt am Stoff, pfeift durch die nahestehenden Bäume. An einem Tag saß ich fast durchgehend neben dem Ofen. Mein Bad erreiche ich nur über den Weg nach draußen. Zehn Meter. Ich nehme mir jedes Mal vor, ohne Jacke zu gehen. So wie zu Hause. Nur die Schuhe ziehe ich an. Außer einmal, da ging ich barfuß. Ein anderes Mal mit nassen Haaren, weil ich mein Shampoo in der Jurte vergessen hatte. Diese zehn Meter reichen. Der Wind schneidet durch alles hindurch. Das Draußen fühlt sich auf einmal an wie minus 15 Grad. 

Ich bin Hitze und Kälte gewohnt. Sauna, kalte Duschen. Auch zu Hause drehe ich das Wasser oft bewusst kalt. Es soll gesund sein. Die Kälte kann antrainiert werden, heißt es. Sie bringe den Kreislauf in Schwung, stärke die Gefäße, aktiviere sogar braunes Fettgewebe, das Wärme erzeugen kann. 

Wie ein kleiner innerer Ofen. 

Allerdings spüre ich nach drei Wochen keinen Unterschied. Meine Hände und Füße bleiben Eiszapfen. Selbst in beheizten Räumen. Vielleicht brauchen diese inneren Öfen länger. Vielleicht Monate. Vielleicht ist es gar nicht die Kälte, die so neu ist. 

Kälte ist ungewohnt geworden. 

Wir sitzen in beheizten Räumen. Der Körper muss kaum noch zittern, kaum noch selbst Wärme produzieren. Ich frage mich, wie haben die Menschen früher gelebt. Vielleicht haben sie früher anders gefroren. Oder sie hatten keine Wahl. Oder ich denke an die vielen Menschen, die heutzutage in Kälte leben. In Kriegsgebieten. In Kellern. In Häusern ohne Heizung. Der Körper ist zu vielem fähig. Ich merke, wie sehr ich daran gewöhnt bin, es mir warm zu machen. Schnell. Jederzeit. Hier dauert es. Der Ofen braucht Zeit. Der Körper auch. Meistens dusche ich morgens heiß. Die Wärme trägt mich durch die erste Stunde.

Wenn ich dann aufs Fahrrad steige, wartet er schon. Der Gegenwind. Ich fahre vom Meer zurück ins Landesinnere. Der Wind ist stark. Als wolle er prüfen, wie ernst ich es meine. Jeder Kilometer fühlt sich länger an. Ich stelle mir vor, ich bin im Fitnessstudio und trete mit aller Kraft im zweiten Gang dagegen. Die weiten Felder bieten keinen Schutz. Kein Baum, kein Hügel. 

Nur ich, das Rad und der Wind.

Manchmal trete ich kraftvoller. Manchmal spreche ich mit dem Wind. Manchmal lasse ich mich einfach langsamer werden.

Vielleicht ist das hier die eigentliche Übung. Nicht die Kälte, sondern das Treten gegen den Wind. 

Und trotzdem loszufahren.

In der Jurte friere ich nicht, wenn ich mich darum kümmere. Ich könnte ständig Holz nachwerfen. Der Ofen glüht schnell, wenn man ihn füttert. Holz holen, nachlegen, warten. Es gibt auch eine kleine elektrische Heizung, wenn ich mal zu faul zum Feuer machen bin. 

Draußen steht der Hot Tub.

Dampf steigt in die kalte Luft, während der Wind über die Felder zieht. Im heißen Wasser sitzen, die Mütze auf dem Kopf, die Wangen rot und über mir der freie Himmel. Der Wind raschelt und pfeift in den Bäumen. Fast unwirklich.

Langsam wird es dunkel. Drinnen wartet der Ofen.


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