SPUR

🇲🇦 Langsamkeit, hoher Atlas & imlil 

Aus Marokko.


In der Nacht kracht es. Ein Gewitter direkt über uns. Ich bin in Imlil, einem kleinen Dorf im hohen Atlas. Hier gefällt’s mir. Ich bleibe länger als erwartet. Ich ziehe die Decken höher und schlafe weiter. Am nächsten Morgen liegt Schnee bis auf 2000 Meter. 

In dicker Jacke sitze ich auf der Dachterrasse und frühstücke. Abdu freut sich, mich zu sehen und fragt, was ich heute vor habe. Als ehemaliger Bergführer gibt er mir Routentipps. Jeden Abend ist er erleichtert, wenn ich zurückkomme, wohlbehalten, wie er sagt. 

Die Luft ist noch frisch.

Ich tunke Brot in Amlou, eine marokkanische Mandelcreme, und trinke süßen Minztee. Langsam sehe ich dem Schnee beim Schmelzen zu. Nach und nach verschwinden die weißen Flächen aus dem Tal, bis nur noch kleine Schneehauben auf den Bergen bleiben. Auf dem Jbel Toubkal bleibt noch viel Weiß zurück, dem höchsten Berg Nordafrikas. Dort oben liegen noch zwei Meter Schnee, erzählt man mir. 

Heute gehe ich wandern.

In meinem Sportoutfit laufe ich den Berg hinauf. Ich fühle mich wohl hier. Ich bewege mich zwischen neugierigen Blicken und den geübten Verkäuferblicken, die sagen: Ich kann dir etwas verkaufen. Jedes Mal entscheide ich neu, ob ich länger für ein Schwätzchen stehenbleibe oder weitergehe. Einige Menschen im Dorf kenne ich inzwischen schon. Der Mann, bei dem ich fast täglich Harira Suppe esse. Der Jugendliche im Souvenirshop. Hassan aus dem Restaurant, der mir seinen privaten Hotspot gibt, wenn ich kein Internet habe. Oder der Mann mit der großen Brille, Turban und einem unglaublich freundlichen Grinsen. 

„Hey German“

Er begrüßt mich mit einem Nicken und der Hand auf dem Herzen. Jeden Tag laufe ich dieselbe Straße entlang, um Essen zu kaufen oder in die Berge aufzubrechen. Die einzige Hauptstraße im Dorf. Den üblichen Smalltalk auf Derija kann ich inzwischen auch.„Labas? Vejer. Koulshi mzyan. Alhamdulillah.“ Kurz die Hand aufs Herz. Ich sehe dich, du siehst mich. 

Schritt für Schritt gehe ich Richtung Pass. Die Wolken hängen tief. Immer wieder versperren sie die Sicht auf das Ende des Weges. Esel und ihre Besitzer überholen mich. Sie transportieren Waren von einem Dorf ins nächste. Die Esel sind schnell. Und die Menschen dazu auch.

„Bist du alleine hier?“, fragt mich Abdell.

„Ja.“ Er schaut mich skeptisch an.

„Ohne Guide?“

Ich nicke. „Ich kenne die Berge und weiß, wohin ich will.“ Der Nebel zieht dichter. Wir sind fast in den Wolken. 

„Okay. Gute Wanderung. Ich bin Guide für den Jbel Toubkal. Da gehe ich morgen hin. Du auch?“

„Nein. Vielleicht im Sommer. Im Moment reichen mir die Tagestouren auf die Gipfel drum herum. Und wohin gehst du mit dem Esel?“

„Ins nächste Dorf. Dort wohne ich.“

„Das heißt, du musst jeden Tag erst über den Pass laufen, bevor du mit den Touristen auf den Jbel Toubkal steigst.“

„Ja. Täglich“

Er tippt dem Esel mit einem dünnen Ast auf die Hinterläufe. Sofort setzt er sich in Bewegung. Ich staune. Der Pass ist für mich eine Halbtagestour mit 800 Höhenmetern. Für Abdell ist das der Weg zur Arbeit. Und seine Arbeit beginnt mit einem 4000 Meter Berg. Ich bin fasziniert davon, was ein Körper leisten kann. Was die Guides hier leisten. 

In den nächsten Tagen lerne ich Mohammad Ali kennen. Er ist mit zwei Niederländern und einem Esel auf einer sechstägigen Tour unterwegs. Er kommt aus der Westsahara und lebt seit Jahrzehnten in Imlil. Auf dem Kopf trägt er einen kunstvoll gewickelten Turban.

„Der ist 15 Meter lang. Jede Farbe steht für etwas.“

„Ist das nicht schwer?“ Er nickt und grinst. 

Nach meinen Wanderungen treffe ich Mohammad Ali oft spontan im Café. Wir trinken zusammen Tee. Er erzählt mir vom schweren Erdbeben 2023. Die Gegend hier wurde hart getroffen. Auch sein Familienhaus wurde zerstört. Seit Jahren versucht seine Familie, es wieder aufzubauen. Sie wohnen gerade woanders. 

„Seit dem Erdbeben gibt es viele Waisenkinder hier.“ Er atmet tief durch.

„Das ist das Leben, Dinge verändern sich, werden zerstört und dann baut man wieder etwas auf. 

Hauptsache, man geht weiter.“

Ich frage ihn, ob er seinen Job liebt. Noch immer fasziniert mich, dass er fast täglich auf Nordafrikas höchsten Berg steigt. Seine Augen leuchten. Er nickt.

„Ja. Ich liebe, was ich mache. Das Schönste nach einer Wanderung ist, die Füße in den Bach zu hängen, ein Picknick mitten in der Natur zu machen und dann diese Ruhe zu spüren. Das gibt es nur in den Bergen.“

Später erreiche ich einen Gipfel und stehe über den Wolken. 

An einem anderen Tag treffe ich zwei Deutsche aus dem Rheinland auf einem Gipfel. Achim und Torsten. Aus einem kurzen Gespräch werden drei Stunden auf einem warmen Felsen. Wir reden, lachen und schauen auf Imlil und den Toubkal. Kleine Wandergruppen mit Guide kommen vorbei, machen Fotos und steigen wieder ab. Später sitzen wir mit Yessir und Abdu beim Tee. 

Yessir hat ein paar Jahre in Paris gelebt und ist zurückgekehrt.

„Das Ding in Europa ist die Zeit.

Dort ist alles so durchgetaktet, dass ich das Gefühl hatte, die Jahre vergehen viel zu schnell. Hier in Marokko ist die Zeit langsamer.“

Wir halten inne und wechseln kurze Blicke. Ein Nicken.

„Alles gut, Achim?“, frage ich. Währenddessen versucht er konzentriert seine Zip-Hosen zu schließen. Seine Beine sind krebsrot von der Sonne. Torsten trägt seine Regenjacke bis oben zugezogen, als würde gleich ein Sturm aufziehen. 

Ich könnte noch stundenlang über die Begegnungen hier schreiben. Über Remy aus Toulouse, den ich mit seinem Geigenspiel auf der Dachterrasse kennenlerne und mit dem ich dann zusammen musiziere. Über die kleine Sophia, die mit sechs Jahren ihrer Mutter und mir Englisch und Derija beibringt, damit wir miteinander sprechen können. Über Abdul, der unermüdlich arbeitet und trotzdem jeden Tag seinen über 100-jährigen Vater besucht. Über Medi, der sich wohl in mich verknallt hatte, obwohl ich ihm nur einmal die Hand gegeben hab. Über Abdu Rahim, den singenden Maler, mit dem ich mich auf vier Sätze Derija und viel Gestik beschränke. Über Hamza, der für die marokkanische Marine arbeitet und bei Fluchtversuchen in Richtung der Kanaren bereits Tausende Leben gerettet hat. Oder über Soukaina, die hier in Imlil einen Halbmarathon gelaufen ist und mir Kirschen vom Baum pflückt.

Viele Begegnungen. So viel Zeit.

Jeder Tag folgt einem ähnlichen Rhythmus. Morgens Sonne, nachmittags zieht Nebel ins Tal. Später Tee mit Mohammad Ali. Der Mann mit dem Turban. Der Himmel färbt sich rosarot. Mein letzter Sonnenuntergang in Imlil. 13 Tage war ich hier. Davon 3 Tage offline, weil nach dem Gewitter das Netz ausgefallen war.

Hier scheint die Zeit nicht zu rennen. Ich nehme einen Schluck vom süßen Minztee.


Deine Grüße, deine Gedanken, ein paar Zeilen oder einfach ein Hallo – ab ins Gästebuch!
Ich freu mich von dir zu lesen.

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