SPUR

🇳🇱 Bird flight & green soup

aus den Niederlanden.


Die Vögel sind noch im Süden.

Ich stehe am Aussichtspunkt. Blick über den ganzen See. Das Tweede Water. Mit dem Fernglas scanne ich das Ufer ab. Ich rechne damit, auch diesmal nichts zu sehen. Dann entdecke ich sie. Die Reiher. Sie breiten ihre Flügel aus. Lassen sie im Sonnenlicht trocknen? Oder nehmen sie Wärme auf? Hinter ihnen glitzert das Wasser.

Zum zweiten Mal bin ich im Zwanenwater. Ein Naturschutzgebiet mit den zwei größten natürlichen Dünenseen Westeuropas. Beim ersten Mal, im März letzten Jahres, war der Himmel, der See und der Weg voller Bewegung. 

Heute schläft die Landschaft.

Der Weg ist leer, auf dem See treiben nur in der Ferne ein paar Vögel. Viele sind wohl noch im Süden. Die Runde um den See ist klein. Fünf Kilometer.

Ich stapfe zurück zum Fahrrad und rechne mit Gegenwind. Am Nachmittag ist er deutlich stärker geworden. Dann geht plötzlich der Akku wieder. Am Morgen hatte er aufgegeben. Vielleicht war die Kälte zu viel. Ich fahre weiter gegen den Wind. Das E-Bike hilft ein wenig. Der Wind bleibt hartnäckig. Ich radle an weiten Feldern vorbei. Die Sonne sinkt langsam. Über mir zieht ein Schwarm Gänse. Lautes Schnattern erfüllt die Luft. Ich halte an.

Das Feld vor mir ist voller Gänse. Immer wieder starten sie, fliegen dicht über mich hinweg zum nächsten Feld. Ich staune. 

Hier sind mehr Vögel, als ich den ganzen Tag im Naturschutzgebiet gesehen habe.

Ich schmunzle. Also doch noch Vogelbeobachtungszeit. Das Abendlicht lässt den Kanal strahlend blau erscheinen. Die Felder leuchten satt grün. Das Licht ist atemberaubend.

Elles kocht Grüne Suppe.

Ihre Eigenkreation. Alles, was ihr Garten hergibt, grünes Gemüse, Knoblauch, Gewürze. Ihre Kinder lieben sie. Am Tag zuvor war ich bei Elles und ihrem Mann zum Abendessen eingeladen. Die Jurte gehört zu ihnen. Ich helfe ihrer ältesten Tochter beim Belegen von Käse auf Blätterteig. Ich habe schon eine Weile die Idee von einem 

Reisekochbuch.

Wie findet ihr das? Wir sitzen zusammen am Tisch und wechseln mitten im Satz zwischen Englisch, Niederländisch und Deutsch. Ich mag den Klang des Niederländischen. Auf einem Notizblock sammle ich 

niederländische Wörter für den Anfang.

Später, im Gespräch mit ihren Töchtern Anik und Miki, stoßen wir auf ein Lied, das ich seit meiner Kindheit kenne. Bruder Jakob. Im Niederländischen wird daraus ein Vater.

Vader Jacob,
Slaapt gij nog?
Alle klokken luiden
Bim bam bom

Das ursprüngliche Lied stammt aus Frankreich. Ein Mönch, der das Glockenläuten verschläft.

Frère Jacques,
Dormez-vous?
Sonnez les matines!
Ding, dang, dong

Im Deutschen und im Englischen bleibt er ein Bruder.

Are you sleeping,
Brother John,
Morning bells are ringing,
Ding ding dong.

In manchen Versionen werden die Glocken gehört, in anderen läuten sie bereits. Vielleicht klang das Wort Broeder einfach nicht so sanft im Sprachfluss wie Vader. Das Lied wandert durch Sprachen und verändert sich. Bleibt aber vertraut.

Die Suppe schmeckt wunderbar. 

Lekker. 


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