Aus Marokko.


Ich sitze hier auf einer Dachterrasse in Tanger, Marokko. Wind im Haar, Blick aufs Meer, die Berge von Spanien in der Ferne. Die Finger wieder auf der Tastatur. Neue Freunde setzen sich zwischendurch zu mir. Wir wechseln ein paar Worte, später geht jeder wieder seinen Weg.
Ich schreibe gerade Momente auf, die über einen Monat zurückliegen. Das lässt mich innehalten.
Was ist wirklich geblieben?
Welcher Moment, welches Gefühl? Es ist lange her, seit ich das letzte Mal geschrieben habe. Es ist viel passiert. Ich habe viele Menschen, Orte, Gerichte, Gerüche und Wege kennen gelernt.
Und doch ist mir genau das hier wichtig geworden. Erfahrung in Worte fassen. Etwas festigen. Sacken lassen. Nachwirken lassen.
Diese Reise ist geprägt davon, Zeit zu haben. Ich möchte nicht nur Erleben. Erleben ist schnell. Intensiv. Offen. Ungefiltert. Verarbeiten ist langsam. Still. Ordnet. Es gibt Bedeutung.
Ich brauche Pausen, in denen nichts Neues passiert.
Damit das Erlebte sich setzen kann. Oft gibt es keine Zeit. Man möchte möglichst viel erleben. Mehr mitnehmen. Mehr sehen. Und irgendwann ist da dieses Gefühl: Alles verschwimmt. Eindrücke überlagern sich. Orte verlieren ihre Konturen. Abends ist man dann erschöpft, scrollt durch hunderte Bilder und überlegt, was man teilt. Am nächsten Tag geht es weiter… Vielleicht ist nicht zu wenig Zeit das Problem.
Sondern zu wenig Stille danach.
Vielleicht liegt darin ein Paradox: Je mehr man erlebt, desto weniger nimmt man wirklich mit.
Gleichzeitig habe ich auch das Gegenteil erlebt. Wochen, in denen viel passiert ist und trotzdem viel geblieben ist. Ich möchte nicht mehr alles sehen.
Der Jakobsweg hat mir das ganz praktisch gezeigt. Ich bin Menschen begegnet, die jeden Tag 35 km gewandert sind. Von einem Ort zum nächsten. Ich hab mich gefragt: Kann der Kopf da noch unterscheiden? Zwischen Orten, Stimmungen und Begegnungen? Wenn man einfach nur schnell durchläuft?
Einer meiner schönsten Tage war anders. Ich bin nur fünf Kilometer gegangen. Mittags saß ich mit einem Eis auf einem kleinen Platz in Caminha. In Portugals Norden. Ich habe Menschen beobachtet, den Ort auf mich wirken lassen. Da war Raum für Gespräche, Begegnungen und für das, was sonst oft verloren geht.
Dieser Tag steht für mehr. Für eine andere Art zu reisen.
Reisen kann Konsum sein. Gesehen. Abgehakt. Vielleicht geht es nicht darum, langsamer zu sein. Sondern darum, stehen zu bleiben, wenn etwas bleiben will.
Mein Blick ruht auf den Bergen von Spanien in der Ferne. Vor mir die große Moschee. Ich höre die Stimmen zum Abendgebet. Alles wird still.
