SPUR

🇪🇸 Art & Night Ride

Aus Spanien. Bilbao. Aus Portugal. Porto.


Auf der Fahrt nach Bilbao lernen wir Marina kennen. Sie kommt aus Argentinien und reist seit Monaten durch Europa. Sie schwärmt von den Balkanländern. Ich werde neugierig. Den Osten Europas kenne ich bisher kaum. 

Bilbao überrascht mich.  

Die Stadt liegt zwischen grünen Hügeln und wirkt gleichzeitig modern und ruhig. Vor dem großen Fußballstadion bleibe ich stehen, beeindruckt von der Größe und den Linien. Die Menschen ziehen durch die Straßen, Kinder spielen auf den Plätzen, der Fluss schlängelt sich durch das Tal. Ich stelle fest. Hier gefällts mir. 

Im Guggenheim Museum laufe ich durch Richard Serras Ausstellung Matter of Time. Die riesigen Stahlformen verschieben jedes Gefühl für Raum und Zeit.

Je weiter ich gehe, desto mehr verändert sich die Perspektive. 

Ich verliere das Zeitgefühl und staune. Nichts sieht gleich aus. Jede Perspektive ist anders. Manche Kunstwerke faszinieren mich sofort. Kronkorken gepresst und aneinander geheftet als Symbol für die Verschmutzung der Ozeane. Andere hinterlassen Ratlosigkeit oder ein Lachen der Absurdität. Ein Haufen Erde auf dem Boden. 

Irgendwo zwischen Albernheit, Protest, und Aktivismus, kann ich mit manchem was anfangen, mit anderem nicht. Ich erinnere mich an meinen Kunstlehrer aus der Schulzeit. Viele Werke und Künstler kamen mir plötzlich bekannt vor. Doch wo sind die Tulpen von Jeff Koons? Wir suchen nach den berühmten Tulpen. Ohne Erfolg. Vielleicht stehen sie inzwischen woanders. Vielleicht kommen sie zurück. 

Es ist Zeit zu gehen für Christian. Er fliegt wieder nach Deutschland zurück.

Ich bleibe noch eine Weile vor dem Kunstmuseum sitzen. Das Wasser spiegelt die Lichtreflexe des Tages. Die glänzende Wand verändert sich mit dem einfallenden Licht. Kinder spielen mit den Wasserfontänen. Eine Straßenmusikerin im weißen Kleid spielt Geige. Neben ihr sitzt ein älterer Mann und schunkelt leise zur Musik. Viele Menschen machen Fotos. Andere sitzen einfach nur da und beobachten. So wie ich. 

Ich denke wieder an die Ausstellung und an einen Satz, der mir plötzlich einfällt. Langeweile ist das Bewusstwerden vom Vergehen von Zeit. Vielleicht stimmt das. Vielleicht ist genau deshalb heute dieses Gefühl da. Ein kurzes Alleinsein zwischen all den Menschen. 

Ich laufe ohne Ziel durch die Straßen, bis mir plötzlich Marina entgegenkommt. In den Armen trägt sie eine Handvoll Bücher. Sie strahlt. „Ich hab eine ganze Bibliothek im Müll gefunden. Alles Bücher meines argentinischen Lieblingsautors“ Ledereinband, goldene Schrift. Ernesto Sabato. El Túnel. „Vielleicht brauch ich jetzt noch einen extra Rucksack.“ Wir unterhalten uns lange. Ich laufe alleine weiter. Später entdecke ich die weggeworfene Bibliothek am Straßenrand.

Dutzende Bücher spitzeln aus der Tonne. 

Sie glänzen im Sonnenlicht. Einfach zurückgelassen. 

Am Abend begegnen Marina und ich uns zufällig wieder und wir quatschen stundenlang vor dem Museum. Über Reisen, über Heimat, über Menschen von unterwegs. Wir stellen fest, dass wir beide mit dem Nachtbus nach Porto reisen. Dort treffen wir uns wieder.

Die Nacht im Bus ist kurz und lang zugleich.

Irgendwann tauchen die Lichter von Porto auf. Die Stadt liegt ruhig zwischen den Hügeln. Das Licht wirkt weich. Und trotzdem fühlt sich alles laut an. Im Bus telefoniert jemand ohne Kopfhörer. Ein anderer hört Musik laut. Neue Videos. Neue Geräusche. Neue Stimmen alle paar Sekunden. Ich muss grinsen. Vielleicht ist das einfach normal hier. Zum ersten Mal auf dieser Reise vermisse ich etwas. Die Berge. Eine Katze auf dem Schoß. Die Jurte. Gemütlichkeit.

Porto ist bunt und voller Menschen. Es gibt hier viel zu sehen. Und doch suche ich oft nach ruhigen Orten. Nach Ecken, von denen aus ich einfach nur beobachten kann. Später sitze ich auf den Stufen der Sé-Kathedrale. Ich lerne Dorit und Dietmar aus dem Allgäu kennen erkenne sie am Dialekt.

Ein kleines Stück Heimat.

Dorit ist vor Jahren den Jakobsweg gewandert und möchte nun ihrem Mann einen kleinen Abschnitt zeigen. Vor uns spielt ein Straßenmusiker. Menschen klatschen im Takt. Es ist warm. In meinen Händen halte ich den Pilgerpass aus der Kathedrale. 

Am Abend stehe ich am Miradouro da Serra do Pilar und blicke auf Porto und die Brücke hinunter. Hinter den Dächern verschwindet langsam die Sonne. Das Licht wird violett, dann dunkelblau. Es nieselt leicht. Ich strecke mein Gesicht in den Himmel. Morgen beginnt der Weg.


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