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🇲🇦 Tarifa's drones

Aus Spanien & Marokko.


Freiheit. Ein Begriff, der mich hier in Tarifa und auf der Überfahrt zu Marokko beschäftigt.

Was bedeutet eigentlich Reisefreiheit?

Dieses Gefühl dazu wird mir erst bewusst, als ich auf dem Deck der Fähre stehe. Der Wind im Haar, der Blick auf die Berge gerichtet. Links Spanien, rechts Marokko. Dazwischen ein bisschen Wasser. Die Straße von Gibraltar, nur 24 km breit. Die Sicht ist klar. Kaum zu glauben, dass Europa und Afrika so nah sind. Ein anderer Kontinent. Und ich irgendwo dazwischen. Sicher auf einem Boot.

Ich denke an einen Freund. Dreimal wollte er mit einem Boot und Schleppern von Marokko nach Europa kommen. „Als ich beim dritten Mal einen Freund tot am Strand gefunden hatte, wusste ich, dass ich damit aufhören werde.“ Heute ist er mit einer Französin verheiratet.

Ich habe die Sätze von den Freunden meiner Mutter im Kopf, als sie mir letztens von ihren Reisen nach Ungarn und Bulgarien erzählen. Für Menschen aus der DDR gab es damals nur Reisen in den Ostblock. „Dort im Urlaub haben wir andere Zimmer bekommen, ein anderes Frühstück als die Wessis und die anderen Touristen. Ich hab mich oft wie ein Mensch zweiter Klasse gefühlt.“

Ein Mensch zweiter Klasse.

Dieser Gedanke hängt nach. Was bedeutet es eigentlich, überall hingehen zu können, wohin man möchte? Welche Bedingungen setzt das voraus? Wieso bestimmten Staat, Herkunft und Geld, wohin wir uns bewegen dürfen? 

Es ist also nicht selbstverständlich, dass wir uns so frei bewegen können. Dass Grenzen für manche nur eine Kontrolle am Hafen bedeuten und für andere lebensgefährlich werden.

Ich reibe meine Augen. Sie sind noch müde. Ich hatte wenig Schlaf. Meine letzte Nacht in Europa wollte ich im Zelt verbringen. Ich hatte einen schönen versteckten Platz gefunden, direkt am Rand des Naturschutzgebietes. Auf einem Hügel mit Blick auf Meer und Berge. 

In der Ferne sehe ich Tanger Med, den Hafen für Frachtschiffe in Marokko. Viele Schiffe passieren die Meerenge. Es ist laut. Besonders nachts. Ich döse ein. Im Hintergrund höre ich noch die Prozessionen der Semana Santa in Tarifa. Blasmusik und Trommeln in getragener Stimmung füllen die Nachtluft. Plötzlich schrecke ich auf. 

Ein lautes Geräusch direkt über meinem Zelt. Ein Surren.

Eine Drohne. Es ist halb zwölf. Im Hintergrund noch die Blasmusik. Die Prozessionen dauern oft bis tief in die Nacht. Im ersten Moment halte ich die Drohne für einem Hobbyfilmer, der Tarifa bei Nacht filmen möchte. Ich döse weiter. 

Dann wieder das Surren. So laut, dass ich erneut aufschrecke. Viertel nacht zwölf. Wieder Surren. 1 Uhr nachts. So geht das weiter bis in den Morgengrauen. Alle 45 min fliegt die Drohne ein paar Meter über meinem Zelt entlang, bleibt kurz stehen und fliegt weiter. Routineflüge. Überwachung der Küste. Kein Hobbyfilmer, sondern die Guardia Civil. Ich bekomme fast kein Auge zu. Trotz Ohrenstöpsel ist das Surren so laut, dass ich das Geräusch irgendwann in meinen Träumen höre. Und jedes Mal hoffe ich, dass niemand von der Guardia Civil vorbeikommt. Mein Zelt steht ziemlich genau an der Grenze zum Naturschutzgebiet. Die Nacht könnte teuer werden. 

In der Ferne höre ich den Muezzin zum Gebet rufen. Ich sehe das große Minarett der Mosche direkt am Hafen von Tanger Ville. Auf der Fähre gibt es noch einen Stempel im Pass. Dann der erste Schritt. So bin ich Überland von Deutschland nach Marokko gereist. 

„Taxi? Good price“, rufen mir ein paar Männer zu. „La, Shukran“, winke ich ab. Ich möchte durch die Stadt laufen.

Oben auf dem Hügel in der Neustadt angekommen stehe ich auf dem Platz Sour Meêgazine. Es wird mein neuer Lieblingsort in Tanger. Von nun an werde ich jeden Tag auf dieser Mauer sitzen und Menschen beobachten. Und diesmal bin ich nicht die einzige. Es ist wohl üblich in Marokko. Viele Männer und Frauen sitzen mit mir auf der Mauer. Aber nicht alle hängen am Handy, wie ich es sonst aus Europa kenne. 

Viele sitzen einfach nur da und gucken.

„We are very good in eye gymnastic“, erklärt man mir. People watching. Am ersten Abend auf der Mauer spricht mich Said an. Er ist Mathelehrer und lernt seit sechs Monaten Deutsch, weil er seinen Doktor in München machen möchte. 

„Lass uns morgen Tee trinken gehen. Ich bin heute so müde, weil ich wegen den Drohnen in Tarifa nicht schlafen konnte.“ 

„Verstehe, du bist bestimmt im Eimer“, sagt er. Ich muss lachen. Er kennt viele deutsche Sprüche. 

Am nächsten Tag sitzen wir im Café Hafa und trinken Tee. Diesmal mit Blick auf die Berge Spaniens. 


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