SPUR

🇲🇦 Music stays

Aus Marokko.


Die Sonne geht bald unter. Meine Beine schmerzen noch von der Arbeit im Beet. Stundenlang haben wir Grünzeug aus der Erde gerupft. Tiefe Hiebe, bis die Wurzeln raus sind. Die Fingernägel sind noch dreckig. Rachad aus Casablanca zeigt uns einige Wörter in Derija.

Bghit nkon hsen.

Das bedeutet: Ich möchte ein besserer Mensch sein, erklärt uns Rachad. Jelly aus London und ich wiederholen sie, immer und immer wieder. Mit einer Melodie. Wir singen. Vielleicht bleiben sie so besser hängen. 

Spontan entscheide ich mich, mit Jelly und ihrem Van Sheila Richtung Süden weiterzufahren. Wir lassen knapp zwei Wochen Farmarbeit hinter uns. Wir verabschieden uns von Hanane, Ayoub, Elhasji und Rachad. Houda und Fatima können wir leider nicht mehr sehen. 

In Essaouira klingt aus jeder Ecke Musik. Jelly und ich folgen den Klängen und landen in einem kleinen gemütlichen Restaurant.  Kerzenlicht, voller Raum. Keine Touristen aus Europa, nur marokkanische Gäste. Essaouira ist ein Ort zum Durchatmen, sagt man uns. „Ich komme jedes Jahr her, einfach um ein paar Tage zu entspannen.“ Stundenlang hören wir Gnawa Musik. Dazu singen wir fast mantraartige Texte. Aya aus Casablanca sitzt neben uns, trifft ihrem Exfreund. Früher waren sie oft hier. Sie übersetzt uns die Lieder. In einem geht es um den Djin Aicha, der dich im Traum besucht, wenn du nicht mitsingst.

Gimbri, Trommeln, Krakebs und Gesänge. Alles zieht in eine Art Trance. 

Am nächsten Tag erklärt Ayoub aus einem kleinen Laden nebenan, dass Gnawa Musik auch zur Heilung genutzt wird. Jede Farbe steht für einen Rhythmus, für eine Bedeutung, sagt er. Verschiedene Welten in Klängen. Rhythmen, die ich so noch nicht gehört hatte. 

Auf dem Hauptplatz spielt ein DJ Afrobeats. Menschen tanzen. Wir auch. Jung und alt, Touristen und Einheimische. Als der Muezzin ruft stoppt die Musik kurz. Der DJ dreht den Sound runter. Alle warten. Stille fällt über die Menge. Dann verklingt der Ruf und es geht weiter. Bum, bum, bum. Ein alter Mann im Djellaba stellt sich in die Mitte und bewegt sich als wäre er zwanzig. Die Jugend jubelt. Ein achtjähriges Mädchen mit Kopftuch springt neben ihm in die Luft. Jugendliche filmen ihn lachend. Ich verlasse Essaouira. Es klingt noch nach.


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