Aus Frankreich.
Es ging schnell. Von Paris nach Rennes. 300 km in 1h20min. Wir sind in der Bretagne. Vor uns der Atlantik. Grau und weit, manchmal glatt, manchmal voller Bewegung. Wir besuchen Freunde. Im Haus von Katrin und Arndt blicken wir direkt aufs Meer. Die Dünen färben sich in warmen Ockertönen, wenn die Sonne kurz durch die Wolken blinzelt. Die Fenster sind groß. Ich sitze einfach da und schaue hinaus.
Arndt gibt mir sein Fernglas.
Die Vögel picken die Körner von der Terrasse. Neben mir ein Bild von verschiedenen Vogelarten, auf Französisch und Deutsch. Blaumeise und Heckenbraunelle kommen uns besuchen. Sie picken schnell. Mein Blick durchs Fernglas wandert Richtung Meer. Es ist stürmisch. Ein Windsurfer fährt über Wellen und springt durch den Wind. Manchmal verschwimmt er farblich mit dem Wasser. Das Licht wechselt schnell hier. Mal scheint kurz die Sonne durch die Wolken, dann zieht wieder der Regen über das Wasser. Es sieht beinahe aus, als würde der Regen Wellen in der Luft formen.
Viel Regen.
Er kommt in allen Varianten. Nieselregen, waagerecht vom Wind getrieben. Oder er trommelt gegen das Dachfenster und verschluckt für einen Moment den Horizont.
Heute gehen wir zum Fischmarkt.
Der Geruch von Salz und Algen liegt in der Luft. Viele Fische, Krabben mit großen Scheren und Tintenfische liegen auf Eis.
Katrin und Arndt plaudern mit Greg Französisch, von dem ich nur die Hälfte verstehe. Sie bestellen Seeteufel (französisch „lotte„) bei ihm. Er filetiert, redet und lacht dabei viel mit uns. Hack, ratsch, Fischhaut ab. Lachen. Er nimmt einen Seeteufel, fasst ihn in die Augen. Dabei bewegt sich sein Maul, mit den großen Zähnen. Er macht Witze damit und legt ihn direkt vor mich.

Seeteufel leben in der Tiefsee und locken ihre Beute mit einer Art Köder. Ein kleiner Fortsatz an ihrem Kopf bewegt sich wie ein Wurm. Kommt ein Fisch näher, schnappt das riesige Maul zu. Wie der Fisch aus Findet Nemo mit der leuchtenden Lampe. Ich schaue dem toten Fisch in die Augen. Irgendwie muss ich lachen, mit welcher Freude Greg weiter filetiert und plaudert. Es ist normal hier.

Am Strand sehe ich ältere Frauen ins Wasser gehen. Ohne großes Zögern laufen sie in den kalten Atlantik, als wäre es das Normalste der Welt. Das Wasser ist dunkel, die Wellen schlagen gegen die Felsen.
Es rauscht.
Am Abend stapfe ich mit meinem Badeanzug aus dem Haus. Es nieselt. Barfuß laufe ich über den Sand. Ab in die Wellen. Es ist kalt. Die Wellen schlagen mir gegen den Rücken, machen meine Mütze nass. Mein Atem ist ruhig, das Wasser fühlt sich wärmer an als Bodensee oder Alpsee in der Heimat. Die Wellen ziehen mich rein. Immer wieder stehe ich auf, um nicht von der Welle verschluckt zu werden. Draußen fühlt sich die Luft warm an. Ich renne zu Christian. Mein Körper kribbelt. Der Regen fühlt sich an wie Hagel auf meiner eiskalten Haut. Sie färbt sich rot. Ich mache Luftsprünge und ziehe mich schnell wieder an. Ich verstehe, warum die älteren Frauen das machen.
Als wir zurück kommen, rieche ich schon den Duft von Fisch und Zitrone in der Wohnung. Katrin hat uns wieder lecker bekocht.
„Willkommen in der Bretagne, du hast die Atlantik Taufe hinter dir“, sagt sie schmunzelnd.
Zum ersten Mal esse ich Austern. Ich tropfe Zitronen rein. Sie zieht sich leicht zurück. Der erste Moment kostet Überwindung. Ausschlürfen. Bitter, salzig, frisch.

Austern schmecken nach Meer.
Die Sonne kommt kurz raus und färbt das Gras in leuchtend Grün. Wir beobachten eine Möwe mit ihrem Nachwuchs in einer Wiese.
Die Möwe trampelt auf der Stelle herum.
Katrin erklärt uns, dass die Möwen trampeln, um den Regen zu imitieren. Die Würmer kommen an die Oberfläche. Schnapp. Das Möwenjunge schnappt sich den Wurm. Die Mutter macht die Arbeit und stampft weiter.
Wir mieten ein Auto und fahren die Küste entlang. Immer wieder laufen wir kleine Abschnitte des Weitwanderwegs GR34, besonders der bei Plougonvelin gefällt mir. Die Küste ist rau. Große Felsen, tobendes Wasser. Die Bretagne wirkt wie ein Ende von Europa. Straßen führen durch sehr kleine Dörfer, vorbei an Steinmauern, niedrigen Häusern und grauen Kirchen. Dann immer wieder Blick aufs Meer. Hier gibt es Flüsse, die sich wie Fjorde ins Inland ziehen. Man nennt sie Aber. Im Norden sind die Dünen, je südlicher, desto rauer wird es. Steilküste.
Immer wieder tauchen an der Küste Bunker auf. Graue, große Betonblöcke, halb im Gras versunken, manchmal direkt begehbar. Überreste des Atlantikwalls aus dem Zweiten Weltkrieg. Massive Bauwerke, die heute still auf das Meer schauen.
Schönheit und Grausamkeit vereint an einem Ort.
Vieles ist überwachsen. Friedlich. Die Natur holt sich die Orte zurück. Wir laufen durch die engen Gänge, stehen an den Schießscharten. Der Wind pfeift durch die Öffnungen.

Im Museum 39-45 wird ein Bombenalarm imitiert. Die Sirenen heulen, wir sitzen im Keller auf der Holzbank. Strom erlöscht schlagartig. Gänsehaut. Explosionen ertönen, Bänke wackeln. Alles nur Simulation. Ich mag gar nicht daran denken, wie vielen Menschen es gerade wirklich so geht.
Irgendwann stehen wir am Pointe du Finistère.
Der westlichste Punkt Frankreichs.
Der Name aus dem lateinischen finis terrae bedeutet „Ende der Erde“. Und ein bisschen fühlt es sich so an. Vor uns der weite Ozean. Kaum zu glauben, dass da draußen irgendwann Kanada liegt. Wir schauen länger aufs Meer als anderswo. Vielleicht weil dahinter nichts mehr kommt. Zumindest nichts Sichtbares.


Frank erzählt uns von den meterhohen Steinen. Ein Menhir. Früher sagte man, dass Frauen fruchtbar werden, wenn sie ihn berühren. Sandrine macht uns ein leckeres Frühstück mit typischen bretonischen Kuchen Far Breton und dem bretonischen Buchweizenbrot Krinkin.
In Auray beobachten wir den Sonnenuntergang über der alten Stadt. Die Lichter gehen an. In den kleinen Gassen leuchten die Kunstgalerien.
Wir bleiben bei heißer Schokolade und Schach spielen hängen. Der Duft von Salz liegt in der Luft. Noch ein Zug. Noch ein Schluck.




