Aus Marokko.
„Seid ihr in 2 Wochen zu Eid noch in Marokko?“, fragt Yessir, als wir im hohen Atlas zusammen sitzen und Tee trinken. Wir schauen uns fragend an.Â
„Eid, das Opferfest.“ Er erzählt uns die Geschichte aus Koran und Bibel.
„Mäh.“ In diesem Moment läuft ein Schaf hinter der Hütte hervor. Kurz Stille.
Ich stehe auf der Dachterrasse in Tanger. Hier arbeite ich für zwei Wochen in einem Hostel.Â
„Eid Mubarak“,
rufe ich zu den Nachbarn. Sie winken zurück. Wir kommen ins Gespräch, über Tradition, Vorbereitung und den Ablauf. Die ganze Familie hilft. Die Männer schlachten, hängen auf, häuten. Die Frauen zerlegen, schneiden, sortieren, alles verschwindet in Schüsseln und Kühlschränken. Später wird gekocht und geteilt.Â
„Kommt gerne rüber zum Essen.“Â
Eine junge Frau hält den Kopf des Schafs nach oben und grinst. Dieses Bild geht mir nicht aus dem Kopf. Ich beobachte weitere Familien auf den umliegenden Dachterrassen. Schafe werden geschlachtet, verarbeitet. Ein Wink. Ein Komm-doch-vorbei-Ruf.Â
Später hängt das Fett neben der Wäsche auf der Leine zum Trocknen.
Die Tage zuvor waren auch schon anders. Schafe werden durch Fußgängerzonen getrieben. Immer mehr Läden schließen. Die Stadt wirkt leer. Immer wieder dieses „Mäh“ zwischen den Häusern. 4000 Dirham also 400 Euro kostet wohl durchschnittlich ein Schaf. Ungefähr ein durchschnittliches Monatsgehalt hier.Â
Ab und zu schaue ich weg. Ich hab noch nicht gefrühstückt. Intensive Gerüche in den Gassen.
Ab und zu schaue ich weg. Ich hab noch nicht gefrühstückt. Intensive Gerüche liegen in den Gassen.
In Deutschland liegt Fleisch verpackt im Regal. Hier ist es sichtbar. Teil des Tages. Teil der Arbeit. Jeder kann zusehen. Die Menschen sind stolz auf ein gutes Qualitätsschaf. Hier springen schon die kleinen Kinder dazwischen herum, wissen genau, was zu tun ist, halten den Eimer, reichen das Messer.


Ein paar Tage später gehe ich mit Soufiane wandern. Wir reden über Bräuche. Ich trage eine enge Wanderhose. Er schaut sie kurz an, sagt aber nichts. Hier leben Flüchtlinge in den Wäldern, die nach Europa wollen, sagt er. Es sei dort nicht sicher im Wald. Die Polizei kontrolliert, und wer ohne Lizenz als Guide unterwegs ist, bekommt Probleme.
Im Park werden wir gemustert. Meine Sportkleidung fällt auf. Vielleicht hätte ich doch etwas Lockeres anziehen sollen. Vor mir sehe ich drei Frauen, die ähnlich figurbetont gekleidet sind wie ich. Einen Moment lang normal. Dann kommt eine ältere Frau hinter ihnen, hebt den Finger, spricht laut. Sie diskutieren. Ich verstehe nichts, aber der Ton ist klar.Â
Soufiane sagt, sie erklärt ihnen, was „richtig“ ist.
„Und was ist richtig?“, frage ich.
„Sich zu bedecken. Hier läuft man nicht so rum.“
Ich sehe ihn an. „Und die Männer?“
„Die müssten es eigentlich auch.“
Die Frau geht weiter und schüttelt den Kopf.
Innerlich schüttle ich mit. Wer entscheidet eigentlich, was richtig ist? Und was davon hat wirklich mit Gott zu tun?
Tanger liegt dazwischen. Zwischen Ankommen und Gehen. Zwischen Blicken nach Norden und Alltag hier. Tanger war einst internationale Zone. Vielleicht fühlt sich die Stadt auch deshalb so besonders an. Vieles erinnert an Europa und ist doch ganz anders.
Die Wolken ziehen rein. Es ist warm.



